Feldforschungsdesign Forschungsfeld
›Forensische Behandlung‹Der vom Unterzeichner vertretene Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Universität Essen verfolgt die
Arbeitsschwerpunkte ›Psychoanalyse‹ und ›Forensische Psychologie‹. Diese Kombination ermöglicht einen subjektbezogenen, klinisch-psychologischen wie forensisch-therapeutischen Forschungsansatz, der im folgenden in
seinen wesentlichen Aspekten skizziert werden soll. Die ambulante / stationäre Behandlung sog. „Sexualstraftäter“ – und von Tätern generell – stellt nach wie vor ein zwar theoretisch und
gesellschaftspolitisch vieldiskutiertes Praxisfeld, einen tatsächlich jedoch kaum beforschten und nur in Ausschnitten explorierten Arbeitsbereich dar (Stichwort »Forschungsdesiderat«). Bisherige
Untersuchungsergebnisse und aktuelle Untersuchungspläne konzentrieren sich primär auf kriminologische und gefährlichkeitsprognostische Fragestellungen (Entwicklung spezifischer Prognoseinstrumente, katamnestische
Rückfallstudien). Nur vereinzelt erfolgten bislang klinische Untersuchungen des forensischen Behandlungsprozesses und der therapeutisch wirksamen Variablen. Dabei finden sich generell
Ä kaum systematische Untersuchungen ambulanter forensischer Behandlungen,Ä selten schulenneutrale oder methodenübergreifende Akzeptanz aller praktisch anzutreffenden Therapiesysteme und pragmatischen Behandlungsstrategien, Ä wenig Untersuchungsinteresse an der praxisnahen Berücksichtigung von auch allgemein- und sozialpsychologischer Eigenschaften forensischer
Patienten / Klienten.
Der Prozess der forensischen Behandlung
Untersucht werden soll diese Fragestellung unter den Gesichtspunkten der indikationsbezogenen Status- und Eingangsdiagnostik wie der prozessbezogenen Verlaufs- und Veränderungsdiagnostik. Das
Forschungsprojekt soll das gesamte Klientel der Tätertherapie berücksichtigen, das heisst, sowohl stationäre als auch ambulante Behandlungen
Ä von forensisch-psychiatrischen Patienten in der forensischen Psychiatrie als auch während der Beurlaubung aus dem
stationären Maßregelvollzug wie nach Entlassung aus der Unterbringung,Ä
von Strafgefangenen in der Strafhaft wie nach Haftentlassung, Ä von nicht-inhaftierten Tätern mit Behandlungsauflagen
im Zusammenhang mit Bewährungsstrafen wie Ä von Tätern oder Deliktgefährdeten, die von sich aus - ohne Veranlassung
durch die Justiz - um Therapie nachgesucht haben.
Dieser Ansatz versucht, der Realität stationärer / ambulanter forensischer Therapien
gerecht zu werden, indem er Maßregelvollzug, Strafvollzug, therapeutische Nachsorge und Beratung systemübergreifend sowie intra- und extramural berücksichtigt. Er zielt darauf ab
Ä einerseits die heterogene ›Landschaft‹ stationärer und ambulanter forensischer Behandlung möglichst repräsentativ
zu erfassen und Ä andererseits die Schnittstellen
zwischen Maßregelvollzug, Strafvollzug, Bewährungshilfe und freier Praxis wie zwischen intra- und extramuraler Behandlung zu nutzen und zu überbrücken.
Forschung muss praxisnah und praktikabel seinDas Forschungsprojekt geht davon aus,
Ä dass – noch – keine Standards der Eingangs- und Verlaufsdiagnostik vorliegen, Ä dass es aber bereits veränderungssensitive Diagnose-Manuale
gibt, die a) sich in anderen, nicht-forensischen Behandlungen bewährt haben und b) bereits in therapiebegleitende Forschung einbezogen wurden.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese diagnostischen Methoden schulenunabhängig und praxisbezogen, sprich, für den Klienten / Patienten geeignet sowie für den Anwender informativ
und ohne großen Aufwand praktikabel sein müssen. Darüber hinaus müssen die gewählten Diagnoseinstrumente sich in der einschlägigen Therapieforschung bewährt
haben und Möglichkeiten der Anknüpfung an bisherige Resultate bieten.
Keine Behandlung ohne Indikation ... keine Indikation ohne Diagnostik ...Das Forschungsprojekt knüpft an vorhandene Methoden der Eingangs-
und Verlaufsdiagnostik an. Als Verfahren kommen folgende Fragebogen zum Einsatz:
Ä Kieler änderungssensitive Symptomliste, KASSLÄ Symptom-Checkliste, SCL-90-R Ä
Gießen-Test Selbstbild, GT-S, und Fremdbild, GT-Fm Ä Inventar zur Erfassung interpersonaler Probleme, Kurzform IIP-C
Ä Veränderungsfragebogen des Erlebens und Verhaltens, VEV
UntersuchungsablaufEingangs- und Verlaufsdiagnostik
indizieren den Einsatz der oben aufgeführten Verfahren zu drei verschiedenen Zeitpunkten während der Behandlung: Klient / Patient
KASSL ……………………… KASSL …………………………….… KASSL SCL-90-R …………………… SCL-90-R ………………………….… SCL-90-R
GT-S …………..…………….. GT-S ………………………………….. GT-S
IIP-C ……………………….… IIP-C ………………………………….. IIP-C
……………………………………………………………………………… VEV Therapeut
………………………………… GT-Fm ……………………………….. GT-Fm t
1 ............................................. t2 ............................................................. t3
2./3. Std. 25. Std. nte Std.
»Was hab‘ ich davon?«
- Direkte Rückmeldung als praktischer NutzenFür die untersuchungsbeteiligten Behandler hat die Teilnahme an dem Forschungsprojekt
praxis-unmittelbaren Nutzen, denn die Forschung arbeitet der Therapie zu:
i. Ihnen werden die Fragebögen kostenfrei zur Verfügung gestellt. ii. Sie erhalten die Auswertung binnen 14 Tagen nach Rücksendung der Testinventare. iii. Die direkte Rückmeldung der Ergebnisse ermöglicht eine individuelle, zeitnahe
Indikationsstellung (Stichwort ›Änderungssensitivität‹). iv. Als
Dokumentation unter Praxisbedingungen garantiert das Projekt die routinehafte Behandlungs- und Verlaufsplanung. v. Sie haben eine valide Rückmeldung über den psychologischen Behandlungseffekt (Stichwort ›Veränderungsfaktor‹).
ProjektrahmenDas Projekt verfolgt die sukzessives Einbeziehung möglichst
vieler – männlicher wie weiblicher –Klienten / Patienten aus den oben skizzierten Praxisfeldern ambulanter forensischer Therapie. Hierbei werden gezielt auch die Fälle in der Studie behalten, in denen die
Therapie – aus welchen individuellen, institutionellen, juristischen Gründen auch immer – abgebrochen wird. Die Untersuchung ist zunächst auf einen Zeitraum von 3 Jahren
(IV. Quartal 2002 bis III. Quartal 2004) mit der Option einer Verlängerung angelegt. Eine erste Auswertung soll zeitunabhängig bei Vorliegen von statistisch hinreichend vielen Daten der Eingangsdiagnostik
zum Zeitpunkt t1 erfolgen (voraussichtlich I. Quartal 2004). Soweit Modellberatungsstellen oder andere beteiligte Behandlungseinrichtungen – zum Beispiel aufgrund befristeter
Projektzeiträume – kürzere Auswertungsbedarfe haben, lässt sich dies ggf. im Einzelfall vereinbaren. Projektziel ›
evidence based psychotherapy‹Das Untersuchungsdesign ermöglicht erste statistische Querschnitts- und Längsschnittuntersuchungen hinsichtlich
Ä des Zusammenhangs von Behandlungsindikation und Effektkontrolle,Ä
der symptombezogenen Eingangs- und Verlaufsdiagnostik, Ä
der eigenschafts- und interaktionsbezogenen Veränderungsdiagnostik des Selbstbildes, Ä
der Korrelation der Befunde der Eingangsdiagnostik, Ä
der Korrelation der Befunde der Effektkontrolle bei Behandlungsende, Ä der
Kongruenz rspkt. Differenz von Selbst- und Fremdbild im Gießen-Test, Ä des fraglichen Zusammenhangs dieser
sozialen Repräsentanzen in Selbst-Fremdbild-Differenz bzw. -Kongruenz mit der Effektkontrolle und dem Veränderungsfaktor, Ä des Vergleichs
der forensisch-psychiatrischen Nachsorge von Maßregelvollzugspatienten mit der Kontrollgruppe ambulant behandelter Täter aus a) Strafhaft, b) Bewährungshilfe, c) Beratung und Prävention, Ä der Interaktion von Behandlungsauftrag - Institution - Klient / Patient - Psychotherapie.
Ziel ist die Erarbeitung der Voraussetzungen für eine sog. »evidence based psychotherapy«, das heißt, für die Angabe signifikanter Prädiktoren des Behandlungsverlaufs und für die
empirische Ermittlung praxisnaher Handlungsregeln. Outcome: »Tätertherapie muss mehr sein als nur ›harm reduction‹«
Damit erfüllt das Forschungsprojekt unterschiedliche Ansprüche:
Ä es ermöglicht zunächst eine repräsentative und standardisierte Beschreibung
der symptomatischen und persönlichkeitsspezifischen Eingangsvoraussetzungen der Populationen unterschiedlicher ambulanter forensischer Behandlungen;Ä es berücksichtigt explizit den ›subjektiven Faktor‹
und verfolgt einen klinischen, psychologisch-subjektbezogenen Untersuchungsansatz, der sich dem entsprechend von primär kriminologischen oder psychopathologischen Forschungsvorhaben unterscheidet; Ä es gibt strukturiert Aufschluss über die psychische und psychosomatische Belastung
der Klienten / Patienten zu Beginn und im Verlauf der Therapie; Ä es verknüpft klinische Behandlungsforschung mit der
praktisch-diagnostischen Begleitung und anwendungsorientierten Unterstützung des Behandlungsprozesses durch individuenbezogene Testdaten; Ä es prüft die Relevanz sog. »änderungssensitiver« und »änderungsinsensitiver« Faktoren
– kurz: therapeutisch leicht bzw. schwer zugänglicher Problembereiche / Symptome – für forensische Therapien; Ä
es korreliert die Ergebnisse unterschiedlicher, parallel eingesetzter Diagnoseinstrumente zum selben Testzeitpunkt (Querschnitt); Ä es erlaubt die explorative Untersuchung des Behandlungseffekts auf unterschiedlichen Betrachtungsebenen (Längsschnitt); Ä
es lässt Aussagen darüber zu, ob die allgemein-psychotherapeutisch bewährte Eingangs- und Verlaufsdiagnostik bei forensisch-therapeutischen Populationen sinnvoll
einsetzbar ist; Ä es gestattet den Vergleich dieser Tätergruppen
hinsichtlich Behandlungsindikation, -verlauf und -ergebnis; Ä es bietet die Gelegenheit zur Untersuchung der
Eingangsvoraussetzungen von späteren Therapieabbrechern und Diskussion der Compliance-Problematik; Ä es knüpft an
andere Psychotherapie-Forschungsprojekte mit ausgewählten Populationen an und schafft Voraussetzungen zum Vergleich der jeweiligen Behandlungseffekte; Ä es greift Forschungsresultate zur gefährlichkeitsprognostischen Bedeutung von Selbst- / Fremdbild-Unterschieden
im Gießen-Test auf und beabsichtigt eine Verifizierung / Falsifizierung dieser Befunde; Ä
es überwindet die bisherigen institutionellen Grenzen zwischen Maßregelvollzug - Strafvollzug - ambulanter Nachsorge – Bewährungshilfe und leistet einen Beitrag zur Integration
der jeweiligen Arbeitsansätze.
FinanzierungDas Forschungsprojekt basiert auf der Nutzung sach-, zeit-
und personalbezogener Ressourcen der eigenen Professur für Klinische Psychologie im Fachbereich 2 der Universität Duisburg-Essen. Parallel ist das Projekt organisatorisch auch am iwifo-Institut Lippstadt
angesiedelt. Für die Phasen der statistischen Berechnungen, Auswertung und abschließenden Interpretation werden Drittmittel benötigt. Eine Anschubfinanzierung durch das MFJFG NRW (Düsseldorf) ist von Seiten
des Landesbeauftragten für den Maßregelvollzug NRW zugesagt, unterliegt jedoch aktuell weiterhin der Haushaltssperre in NRW.
Aktueller Stand des ProjektsAktuell sind knapp 100 in Behandlung befindliche Täterpersonen untersucht. Beteiligt sind folgende Institutionen:
Ä Sozialtherapeutische Anstalt KasselÄ JVA Bielefeld-Senne Ä JVA Tonna Ä
Beratungsstelle »man-o-mann«, VSGB Bielefeld Ä
Beratungsstelle für Haftentlassene Düsseldorf Ä Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen Siegen Ä Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werks Kassel Ä Forensisch-therapeutische Praxen in Kaiserslautern und Recklinghausen Ä
Psychotherapeutische Ambulanz, Bewährungshilfe Stuttgart
Darüber hinaus liegen Zusagen des Justizvollzugsamtes Düsseldorf für die Beteiligung der JVA Geldern und der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen vor. |