Ein großer Wurf und ein sperriges Buch!Randvoll mit unterschiedlichen Diskursen zum Thema, und es zeugt von der souveränen
Meisterschaft des Autors, sie alle miteinander ins Gespräch gebracht zu haben. Das Buch ist in sieben Abschnitte (1. Grundlagen und Ausgangspunkte, 2. Institutionen sozialer Kontrolle, 3. Massregelvollzug als Projekt
der Moderne, 4. Die gefährlichen Irren, 5. Patientenbeurteilungen - Expertenurteile, 6. Statistisch-explorative Untersuchung, 7. Zusammenfassung - Auswertung - Perspektiven) gegliedert. In jedem der Abschnitte fällt
ebenso die eminente Belesenheit, wie des Autors Liebe zum Detail auf, was sich allein schon quantitativ in der Verarbeitung von über 1.000 Literaturstellen widerspiegelt.
Unter »Grundlagen und Ausgangspunkte« [...]
steckt Kobbé seinen weitgespannten erkenntnistheoretischen Bezugsrahmen ab, der im wesentlichen die Gebiete Philosophie, Psychologie und Psychoanalyse umfasst. Nach allen Regeln der von ihm verwendeten Diskursanalysen
werden die tückischen Untiefen zwischen gefährlichem Irresein und gefahrvollem Irrtum ausgelotet: Von der Problematisierung des Fortschrittsbegriffs [...] entwickelt Kobbé auf der Basis seines institutionskritischen
zweiten Kapitels im dritten Abschnitt eine umfassende Analyse und Kritik des Massregelvollzugs als Projekt der Moderne.
Überaus spannend geht es weiter im Kapitel vier. Hier geht es vor allem um die Vorhersage von
Gefährlichkeit und die damit zusammenhängenden Lockerungsentscheidungen. Dabei kommt der »Vorhersagbarkeit« als zentralem Kriterium für (Natur-)Wissenschaftlichkeit überhaupt besondere Bedeutung zu [...]«.
Nach der
grundsätzlichen Strukturkritik schlägt Kobbé jedoch den Bogen hinüber zum Pragmatischen, wenn er sagt, dass bei allen Unzulänglichkeiten - und die müssen klar benannt werden dürfen - Grundlagen und Grundannahmen der
Prognosestellung für Öffentlichkeit, Justiz und Patienten transparent und damit nachvollziehbar zu sein hätten. Darüber hinaus sei an die Prognosekriterien zumindest die Forderung nach Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit
und Überprüfbarkeit zu stellen [...].
Die Arbeit zeichnet sich hier in besonderer Weise durch die Dynamik der vom Autor immer wieder vorgenommenen Perspektivwechsel aus: Da liefert er einerseits die
wissenschaftstheoretische Strukturkritik in der Makroperspektive, aber andererseits auch den Hinweis darauf, sich der Mühe unterziehen zu müssen, vorhandene Diagnose- und Therapieinventarien zu verbessern - mit allem
Vorbehalt - um in der forensischen Praxis nicht handlungsunfähig zu werden. Dieser ständige von Kobbé vollzogene Perspektivwechsel ist gut dazu geeignet, das besonders rigide forensische System in Bewegung zu bringen,
mit dem Ziel, es aufzubrechen. Die von ihm benannten Widersprüche -Therapie und Sicherung - werden in zahlreichen Facetten überaus kompetent beleuchtet.
In den Kapiteln fünf, sechs und sieben wird das
empirisch-explorative Material der Lippstädter Untersuchung in seiner immensen Fülle ausgebreitet, auf deren Referierung ich hier verzichten muss. Bei einer solch differenzierten Untersuchung sind am Ende keine
Ergebnisse zu erwarten, die sich in wenige kurze und einfache Sätze bringen ließen. [...]
Ein Buch, ohne leere Redundanz, prall gefüllt mit Informationen und schulen- wie fakultätenübergreifenden Diskursen. Es ist
nicht leicht zu lesen, aber am Ende hat man das Gefühl, wirklich Wichtiges hinzu gelernt und viele neue Impulse hinzu gewonnen zu haben, vor allem, was die Diskursvielfalt und das Netz ihrer mannigfachen
Verknüpfungsmöglichkeiten betrifft. Mit einem Wort: Ein Buch für jeden Studierenden der psychosozialen, medizinischen und juristischen Fächer, aber auch ein Buch, das unbedingt in jede Fachbibliothek gehört.
Martin WolIschläger (Buenos Aires, Gütersloh)
Besprechung in: Recht & Psychiatrie
, 1997, 15. Jg., H. 4, S. 186-188
Kobbés Dissertation nimmt das im Maßregelkrankenhaus Lippstadt-Eickelborn geübte Verfahren der Prüfung,
ob Vollzugslockerungen und Urlaub gewährt werden können (,,Beurteilungsbogen"), zum Anlass einer erfahrungswissenschaftlichen Analyse des Maßregelvollzugs insgesamt. Er selbst versteht seinen Ansatz als
,,interdisziplinär". Das trifft insofern zu, als es dem Autor gelungen ist, die psychologischen und psychiatrischen Implikationen der forensischen Psychiatrie zu erfassen und ihre komplementären
Erklärungen dieser Institution zu verdeutlichen. [...]
Damit ist schon das Stichwort für die Frage gegeben, wie Kobbés Darstellung sich von den anderen
umfassenden Büchern über den Maßsregelvollzug unterscheidet, nämlich von dem von Kammeier 1995 herausgegebenen und mitverfassten Handbuch „Maßregelvollzugsrecht“ (vgl. meine Rezension R&P 1995,
154) und von meinem eigenen „Maßregelvollzug“ (4. Aufl. 1997). Tatsächlich besteht zwischen Kobbés Arbeit einerseits und den genannten Darstellungen andererseits ein gewisser Gegensatz, der sich durch die
Aussage kennzeichnen lässt: Kobbé ist Erfahrungswissenschaftler, wir anderen sind Juristen. Während wir das soziale System ,,Maßregelvollzug" immer von den Grundrechten der psychisch kranken Eingesperrten
her betrachten, von ihrem Anspruch auf Behandlung, von ihrem Recht auf Gewährung eines ihrer Menschenwürde entsprechenden Lebensspielraums, von den Notwendigkeiten, in ihre Rechte einzugreifen
und zugleich den Grenzen solcher Befugnisse, sieht Kobbé die Wirklichkeit der forensisch-psychiatrischen Krankenkäuser mit anderen Augen, von einem anderen Standpunkt her. Sein gedankliches,
systematischesWerkzeug ist der moderne französische Strukturalismus [...].
Mir selbst hat die Lektüre eine beträchtliche Erweiterung des Blickwinkels eingebracht. Krankenhausbauten,
innere Organisation der Krankenhäuser, Diagnostik und deren Obiektivierung, vor allem aber die in mehreren Bundesländern entwickelten, durchaus verschiedenen therapeutischen Konzepte haben offensichtlich für die
Patienten, für die Therapeuten und für ihr Verhältnis zueinander große Bedeutung. Ich habe die klare Darstellung und kritische Analyse der Konzepte von Rasch (Lippstadt-Eickelborn), Müller-Isberner
(Haina/Giessen), Nedopil und Otterrnann (Straubing) und von Duncker und Mitarbeitern (Marsberg-Bilstein) mit großem Gewinn gelesen.
Bernd Volckart