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P&G 106/107

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Psychologie & Gesellschaftskritik, 27. Jg. (2003) H. 2/3

Summaries der Beiträge

Johannes Bittel (2003) Der Apparat des Vergessens oder Auf der Suche hinter den Bildern.

Photographien dienen mehr dem Vergessen, als dass sie ein Erinnerungsspeicher seien. Diese Aussage Kafkas ausleuchtend kreist der Text um die Frage, welchen Stellenwert Kindheitsphotographien bei der Rekonstruktion von Biographie einnehmen können. Das Ausgangsmaterial dazu bildet die dreimalige Aufnahme und Beschreibung eines Kinderbildes von Franz Kafka durch Walter Benjamin in unterschiedliche Kontexte. Dieses Material ermöglich einen vielschichtigen Zugang zu Kafkas These. Entsprechend dem Medium Photographie bringt der Text Facetten, Schnappschüsse und Blitzlichter.

Schlagworte: Erinnerung; Vergessen; Biographie; Bild

Philipp Soldt (2003) Konflikt im Spiel. Eine psychoanalytische Theorie des Subjekts in der ästhetischen Erfahrung.

In einigen neueren Ansätzen der philosophischen (Kunst-)Ästhetik wird die ästhetische Erfahrung im Anschluss an Kant als ein Spiel aufgefasst, in das die stets disparaten Lesarten eines rezipierten Kunstwerks geraten. Im Anschluss an die Darstellung dieser spielästhetischen Ansätze wird argumentiert, dass die eigentümlich diskontinuierliche ästhetische Erfahrung nur dann adäquat und historisch konkret zu beschreiben ist, wenn dabei sowohl auf eine Theorie des modernen Kunstwerks als auch des modernen Subjekts zurückgegriffen werden kann. Im zweiten Teil wird die ästhetische Erfahrung psychoanalytisch als Reinszenierung lebensgeschichtlicher Konflikte begriffen, in der die einander widersprechenden Lesarten des Kunstwerks den je individuellen Wunsch-Abwehr-Konstellationen des Subjekts entsprechen. Jenseits des Identitätszwangs alltagstauglicher Kompromise bieten Kunstwerke den Subjekten dabei idealtypisch die Möglichkeit, in ein lustvolles prozessuales seelisches Geschehen einzutreten, das ihnen ansonsten verwehrt ist.

Schlagworte: ästhetische Erfahrung; Ästhetik; Rezeptionstheorie; Kunstrezeption; Spielästhetik

Frank Dirkopf (2003) rezeption macht subjekt. Für eine psychoanalytische Rezeptionstheorie audiovisueller Medien.

Für Analysen von audiovisuellen Medienangeboten und deren Rezeption ist ein psychoanalytischer Zugang, die Berücksichtigung des Unbewußten, unerläßlich. Oftmals werden allerdings Regression, Identifizierung usw. in Anschlag gebracht, ohne die Vorraussetzungen ihrer Geltung zu reflektieren. Hierzu bedarf es einer Konzeption des Rezeptionsprozesses, die allgemeiner eine bisherige Leerstelle der medienwissenschaftlichen Rezeptionstheorie markiert und in diese eine Theorie des Subjekts einführt. In diesem Sinne faßt der Autor das Verhältnis von Rezipiertem und Zuschauern zunächst allgemein mit Alfred Lorenzer als Interaktion, um diese dann im besonderen Kontext von (Rezeptions-)Dispositiven als spezifische RezeptionsInteraktion zu qualifizieren. Sie erweist sich aufgrund der Eigenschaften des medialen Angebots als ein einseitiges Interaktionsgeschehen, in dem ein metapsychologisch beschreibbares »Rezeptions-Subjekt« konstelliert wird. Die entwickelten Thesen werden abschließend anhand einer kurzen Analyse des aktuellen Fernsehformats der Casting-Show illustriert.

Schlagworte: Rezeption; Medien; Kino; Fernsehen; Psychoanalyse; Interaktion

Samuel Felix Sieber (2003) Metastasen des Subjekts.

Auf der Suche nach den elementaren Metamorphosen, die als unmittelbare Folgen des digitalen Umbruchs nachweisbar sind, stößt der Beschauer auf die Distorsion des traditionellen Subjektbegriffs. Denn im paradoxen Kreislauf der Selbstbestätigung und –zerstörung, die die flottierenden Bilder der medialen Reproduktion implementieren, ist das Ideal einer einigenden Identität nicht mehr denkbar. Mit der Destruktion des öffentlichen Raums geht der Verlust des Subjekts einher. Der Fiktion, dass sich in den Weiten des Cyberspace der Selbstzweck individueller Verwirklichung erfüllt, kann damit nicht zugestimmt werden, denn das auf Selbsterfüllung hoffende Subjekt hat den Bezug zu den Referentialen Identität, Authentizität und Reflexion längst verloren. Was bleibt, sind die Bilder einer simulierten Subjektivität, die letztlich mehr einer polyphrenen Richtung folgen, als der intendierten Suche nach der Einheit des Subjekts.

Schlagworte: Digitaler Wandel. Lifestyle, das Virtuelle

Alexandra Popp (2003) Philosophie als ästhetisches Verhalten – Nietzsches Konzept einer kritischen Geisteswissenschaft.

Aus einer Kritik an der herkömmlichen Methode der Geisteswissenschaften entwirft Nietzsche zwei Konzepte, einmal das Konzept des rein künstlerischen Umgangs mit der Welt und einmal das Konzept einer wissenschaftlichen, aber kritischen Herangehensweise. Der Text setzt sich mit Nietzsches Überlegungen zu dieser neuen Methode auseinander, die von Foucault im Rückgriff auf Nietzsche als Genealogie bezeichnet wird. Die genealogische Methode ermöglicht es, kritisch mit der Geisteswissenschaft umzugehen, ohne dabei die Ebene der Geisteswissenschaften zu verlassen. Die Genealogie rückt die Einzelphänomene in den Mittelpunkt der Betrachtung und wird so zu einem ästhetischen Verhalten gegenüber der Welt. Gleichzeitig genügt die Genealogie wissenschaftlichen Standards.

Schlagworte: Genealogie, Nietzsche, Ästhetik und Kritik

Dietmar Becker (2003) Künstlerische Arbeit als Erkenntnisprozess.

Aus der Reflexion über ihre spezifischen Arbeitserfahrungen entwickeln die bildenden Künstler seit der Renaissance ein neues Selbstverständnis und Bewusstsein ihrer Kompetenz: Künstler als Erkunder, künstlerische Tätigkeit als Forschungsprozess. Eine entscheidende Eigentümlichkeit der künstlerischen Erkundungstätigkeit: Auge und Hand und die in diesen Organen repräsentierten, von einander abweichenden Sinne werden auf einander abgestimmt und in Kooperation gebracht. Dies geschieht nicht unter Ausschluss, sondern unter Einbeziehung intellektueller Anteile im Subjekt. Natur ist dem Artefakt vorgegeben, wird als dem kreativen Subjekt eingegeben gedacht. Kunst und Künstler tradieren ein Naturverständnis, das den geläufigen naturwissenschaftlich gewonnenen Naturbegriff übersteigt.

Schlagworte: Kunst, Natur, Erkenntnis