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Täterarbeitsbuch

Arbeitsbuch Täterhilfe: Therape bei sexuellem Missbrauch

Gib einem Hungernden einen Fisch

so wird er einen Tag lang keinen Hunger haben

Gib ihm sieben Fische

so wird er einige Wochen lang ohne Hunger sein

Lehre ihn fischen

und er wird sein ganzes Leben lang nicht mehr hungern

 

- chinesisches Sprichwort -

Vorwort

           ... nicht nur für Betroffene

Mit diesem Arbeitsbuch Täterhilfe bieten die Kollegen Vanhoeck und Van Daele einen Leitfaden an, der – den gemeinhin als 'Sexualstraftäter' etikettierten – Betroffenen eine behandlungsvorbereitende oder therapiebegleitende Hilfe zur Klärung wesentlicher Fragen leisten kann. Immerhin greifen Täter nicht nur in das Leben anderer ein. Sondern sie verändern bereits mit Taten als solchen auch ihr eigenes Leben dergestalt, dass sie einerseits Akteur, andererseits aber zugleich Objekt eigenen Handelns sind. Noch mehr bedingen Strafandrohung, Freiheitsentzug in Straf- und Maßregelvollzug, Verpflichtung zur Behandlung innerhalb des Vollzugs wie als Bewährungsauflage usw. Veränderungspotentiale, die kaum oder oft nur unzureichend konstruktiv und zukunftsweisend genutzt werden können. Und dies beinhaltet sowohl Infragestellungen für Täter als auch Fragestellungen an Behandler.

Damit richtet sich dieses Vorwort nicht in erster Linie an diejenigen, die dieses Arbeitsbuch Täterhilfe  als Betroffene – als potentielle Klienten oder Patienten – lesen. Angesprochen sind vielmehr therapeutisch tätige KollegInnen im Bereich der Täterarbeit im weitesten Sinne. Das heisst, nicht nur PsychologInnen, ÄrztInnen, PädagogInnen, SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen, sondern auch Seelsorger, MitarbeiterInnen des Pflegedienstes usw. ... Immerhin bezieht ein solches Buch – zwangsläufig – alle Berufsgruppen ein, die mit Tätern stationär oder ambulant arbeiten, sprich, die im Strafvollzug, im Maßregelvollzug, in der Psychiatrie, in teilstationären Tages- oder Nachtkliniken, in ambulanter Behandlung, in Beratungsstellen, in der therapeutischen Nachsorge, in der Bewährungshilfe, in Übergangs- und Dauerwohnheimen usw. ... tätig sind.

In dieser Situation stellt das Arbeitsbuch Täterhilfe ein Angebot zur Auseinandersetzung mit der Tat dar: Zu einer Beschäftigung mit dem eigenen Handeln oder Verhalten, die nicht zwangsläufig an die Präsenz eines Behandlers  gebunden ist.

  • Gerade angesichts der nach wie vor unzureichenden Therapiemöglichkeiten innerhalb des Strafvollzugs bietet diese – auch zum indirekt begleiteten Selbststudium geeignete – Arbeitshilfe die Chance einer ersten Selbstklärung und -konfrontation.
  • Aber auch vor dem Hintergrund der ggf. bedrohlich wirkenden Pflicht zur Behandlung beinhaltet dieser strukturierte Leitfaden ein therapievorbereitendes – sozusagen niedrigschwelliges – Angebot zur ersten Orientierung ... und ggf. auch Selbstproblematisierung.
  • Als Fragestellung an die Behandler suchen Vanhoeck und Van Daele just diese Chance einer Anfrage zu verwirklichen: Es ermöglicht ggf. die Korrespondenz von (inhaftiertem) Täter und (andernorts tätigem) Behandler bzw. "Buchbegleiter". Es zeigt bislang wenig genutzte Möglichkeiten eines inhaltlich strukturierten Dialogs auf. Einer Frage-Antwort-Korrespondenz mit der Option zur Entwicklung eines kooperativen Arbeitsbündnisses.
  • Als Arbeits-Buch stellt das Buch dabei konkrete An-Forderungen an Täter: Es nimmt sie einerseits in die Pflicht zur aktiven Auseinandersetzung anstelle passiver Lektüre einer Informationsbroschüre über Täterbehandlung. Es ermöglicht – bzw. provoziert – eine schrittweise Entwicklung selbstbestimmten Arbeitens anstelle fremdbestimmter Abhängigkeitsbeziehungen.
  • Und zweifelsohne können einzelne Lektionen für manche Klienten / Patienten in bestimmten Behandlungsphasen eine Art 'Hausaufgabe' zwischen den Stunden, eine Arbeitshilfe zur Vor- oder Nachbereitung von Therapieinhalten darstellen.
  • In zwei Abschnitte gegliedert, klärt das Arbeitsbuch Täterhilfe im ersten Teil zunächst Fragen, was die Behandlung von Sexualstraftätern – und im engeren Sinne von Tätern mit sexuellem Mißbrauch – beinhalten und bedeuten kann, welche Forderungen und Herausforderungen, welche Entwicklungschancen und -probleme hiermit verbunden sein können. Damit greift diese Arbeitshilfe latente und offene Fragen auf. Sie leistet einen Beitrag zur Motivationsklärung bzw. Selbstmotivation im Vorfeld von Behandlung. – Der zweite Teil hingegen konkretisiert Zielsetzungen von Behandlung im weitesten Sinne – und zwar subjektbezogene, individuelle Ziele wie Auswirkungen von Therapie.

    Das Potential und die Vorteile dieses Arbeitsbuches Täterhilfe liegen zweifelsohne in der konkreten, didaktischen Aufbereitung und lebendigen Darstellung komplexer Sachverhalte. In der fordernden wie auffordernden Thematisierung problembehafteter Gedanken, Gefühle, Phantasien, Eigenschaften, Verhaltens- und Handlungsweisen. In der schnörkellosen, griffigen Sprache, mit denen sich Vanhoeck und Van Daele dem Leser zuwenden. Darin, dass sie eben nicht über ihn schreiben, sondern ihn sozusagen anschreiben – den einzelnen direkt ansprechen. In einer akzeptierenden, respektvollen, einfühlsamen und dennoch konfrontierenden Haltung der Autoren. In einem Wechsel von Erläuterung, Herstellung von Betroffenheit und Ermutigung zur Auseinandersetzung als gelungenem Oszillieren von unterstützendem 'Ja' und desillusionierendem 'Nein'.

    Mit dieser Konzeption verwirklicht das Arbeitsbuch Täterhilfe eine Forderung, die Fiedler 1981 als "Psychotherapieziel »Selbstbehandlung«" skizziert hat. Sein Entwurf nimmt den Klienten / Patienten als 'reflexives Subjekt' ebenso ernst wie in die Pflicht. Dieses Konzept der Selbstbehandlungskompetenz setzt grundlegend andere – nämlich prinzipiell partnerschaftliche – Akzente im Verhältnis von Behandler und Klient / Patient. Es scheint gerade für diejenigen geeignet, deren Problematik nicht in einer psychischen Störung oder Erkrankung, sondern in spezifisch deliktrelevanten Gefühls-, Einstellungs- und Verhaltensweisen begründet sind. Dabei verfolgt das Buch allgemeine Behandlungs- und Beratungsziele

    • der Förderung von Selbstwahrnehmungskompetenz,
    • der Entfaltung des Phantasiespielraums = einer Verbesserung antizipatorischer Kompetenz,
    • der Erweiterung des Handlungsspielraums = eines Erwerbs sozialer Handlungskompetenz.

    Mit der deutschsprachigen Bearbeitung des Arbeitsbuches Täterhilfe ist der Versuch gemacht worden, den Text aus dem holländischen Original adäquat zu übertragen. Dies mit dem Bestreben, einerseits den für die Autoren charakteristischen – und eingängigen – Duktus zu wahren, andererseits aber auch die Komposition von Form und Inhalt zu garantieren. Dem gegenüber nimmt jede Übersetzung – wie Derrida anmerkt – auch einen Bezug zwischen 'Setzung' als Setzen einer Setzung und 'Über-Setzung' im Sinne von Hinüber- und Darüber-Setzen, Darüber-Hinausgehen und Über-die-Setzung-Hinausgehen vor. Sie ist immer auch Interpretation. Dies einerseits in Entfernung vom wortwörtlichen Text, andererseits im Bestreben, gerade hierdurch dessen Sinn – quasi textgetreu – zu erfassen. In der Hoffnung, dass dieses Wagnis weitgehend gelungen ist, bleibt dem Buch im deutschsprachigen Raum – in Deutschland, Österreich und der Schweiz – eine weite Verbreitung zu wünschen.

    Ulrich Kobbé

    Lippstadt, im März 2000

    Einführung

    Zielgruppe

    Dieses Arbeitsbuch ist für Personen gedacht, die eine Sexualstraftat, ein 'Sittlichkeitsvergehen', begangen haben und die sich jetzt wegen ihres Problems einer Behandlung unterziehen wollen oder müssen. Das Buch ist in Lektionen eingeteilt, die auf die eigentliche Therapie vorbereiten sollen. So kann sich der Leser ein Bild davon machen, was er von solch einer Behandlung erwarten kann. 'Behandlung' und 'Therapie' sind hier austauschbare und gleichwertige Begriffe, die wir unterschiedslos gebrauchen. Was sie genau bedeuten, soll in diesem Buch zu einem späteren Zeitpunkt eingehend erläutert werden.

    Vielleicht lesen Sie dieses Buch im Gefängnis, und Sie könnten demnächst entlassen werden, sofern Sie bereit sind, sich einer Therapie zu unterziehen. Mit Hilfe dieses Buches können Sie sich auf diese Therapie vorbereiten. Denn warum auch sollten Sie Ihre Zeit im Freiheitsentzug vergeuden? Vielleicht aber haben Sie schon einen Therapeuten und dieser hat Ihnen dieses Buch empfohlen, um einen Einstieg in die eigentliche Therapie zu finden. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Sie von sich aus dieses Buch in der Hoffnung gekauft haben, etwas zu finden, womit Sie Ihre eigenen Probleme anpacken können. Vielleicht aber lesen Sie dieses Buch auch nur aus allgemeinem Interesse, weil Sie mehr über dieses Thema wissen wollen oder jemanden kennen, der derartige Probleme hat.

    Dieses Buch ist für Täter selbst geschrieben. Es verwendet die direkte Anrede, und der Angeredete ist der Täter selbst. Er ist es, der sich an die Arbeit machen und der sich auf eine Therapie vorbereiten muss. Es ist also ein 'Arbeitsbuch'. Andere Leser müssen dies bei der Lektüre dieses Buches in Kauf nehmen. Das Buch ist für erwachsene Täter geschrieben. Das heisst für Täter, die zum Zeitpunkt, zu dem sie das Buch lesen, mindestens 18 Jahre alt sind. Doch auch Minderjährige können großen Nutzen aus diesem Buch ziehen, aber dies sollte dann zuvor mit den Eltern oder dem gesetzlichen Betreuer gut abgesprochen werden. Minderjährige brauchen bei Verwendung dieses Buches in jedem Fall eine größere Unterstützung als Volljährige. Eine Begleitung, die sich nur auf die Bearbeitung der eingeschickten Hausaufgaben beschränkt, ist dann nicht zu empfehlen.

    Es gibt Täter jeglicher Art und jeglichen sozialen Hintergrundes. Es gibt Täter, die ein Universitätsstudium absolviert haben und solche, die weder lesen noch schreiben können. Es ist unmöglich, für alle Täter ein gleichermaßen passendes Buch zu schreiben. Die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben ist hier eine Voraussetzung. Ebenso die Fähigkeit, einen Text von etwa fünf Seiten zu verarbeiten. Die Texte sind jedoch einfach geschrieben. Und Sie brauchen bestimmt kein 'Ass' in der Schule gewesen zu sein, um mit diesem Buch zurecht zu kommen. Sie müssen vor allem guten Willen mitbringen. Wer mit dem Lesen von Texten nicht viel Erfahrung hat, sollte sich an einen fachlichen Begleiter wenden, der ihn tatkräftig unterstützen wird. Einige Leser, die studiert haben, könnten sich daran stören, dass schwierigere Begriffe zwei- oder dreimal erklärt werden. Wir bitten Sie, hierfür Verständnis zu haben. Zur Vorbereitung auf eine Therapie gehört ohnehin auch, dass man lernt, auf andere Rücksicht zu nehmen.

    Arbeiten Sie besser nicht allein!

    Wenn Sie ein Problem mit sexuellen Delikten haben, wird es Ihnen nicht gelingen, ganz allein damit fertig zu werden. Wäre dies so einfach ("ein kleines Buch lesen, ein bißchen Hausaufgaben machen, und dann heidi-heida ..."), dann hätten Sie es auch ohne Hilfe dieses Buches geschafft. Wahrscheinlich haben Sie auch schon versucht, mit Ihrem Problem allein fertig zu werden und dann gemerkt, dass es Ihnen nicht gelingt. Aber verlieren Sie dennoch nicht den Mut! Es ist die Mühe wert, der Behandlung eine Chance zu geben. Eine Behandlung kann mehr erreichen als Sie allein. Entscheiden Sie sich jedoch dann für eine Behandlung, die speziell als 'Täterhilfe' oder 'Tätertherapie' angeboten wird. Dieses Buch kann Ihnen hierbei eine Starthilfe sein.

    Es ist ganz normal, dass Sie Hilfe bei Ihren Problemen brauchen. Ein Therapeut wird Ihnen während der Behandlung zur Seite stehen. Wenn Sie im Gefängnis oder in einer Maßregelvollzugsklinik sind, gibt es dort sicherlich einen Psychologen oder Sozialarbeiter, der Ihnen behilflich sein kann. Sind Sie in eine andere Anstalt eingewiesen worden, können Sie auch dort Hilfe finden oder es gibt dort jemanden, der Hilfe von außerhalb vermitteln kann. Wohnen Sie ganz normal bei sich zu Hause, dann suchen Sie sich einen Therapeuten oder eine Beratungsstelle in Ihrer Nähe aus, und man wird Ihnen den besten Weg zeigen. Erkundigen Sie sich notfalls bei Ihrem Hausarzt oder suchen Sie im Telefonbuch nach der Adresse der nächsten Beratungsstelle.

    Mit etwas Vorkenntnis kann jeder Berater oder Behandler dieses Arbeitsbuch durcharbeiten. Zeigen Sie es demjenigen, der Ihnen helfen soll, und bitten Sie ihn bzw. sie um Rat. Wenn nichts klappen will und Sie niemanden finden, der Ihnen beisteht, können Sie das Buch genauso benutzen wie bei einem Fernkurs. Sie schreiben dann an eine spezielle Beratungsstelle für Täterhilfe und bitten darum, dass dort jemand bereit ist, Sie schriftlich zu beraten und zu unterstützen. In diesem Falle schicken Sie Ihre Hausaufgaben dorthin und warten auf Rückmeldung, ehe Sie die nächste Lektion beginnen.

    Therapeuten ohne Berufserfahrung oder Berater, die nicht auf dem Gebiet der Täterhilfe spezialisiert sind, können in diesem Buch einen Leitfaden finden. Sie können nach Belieben die eine oder andere Lektion aussuchen oder mit ihrem Klienten bzw. Patienten das ganze Buch Schritt für Schritt durcharbeiten. Sie können auch mit den Autoren und dem deutschen Mitherausgeber des Buches Kontakt aufnehmen und Rücksprache halten.

    Und was ist, wenn Sie wirklich ohne Begleitung mit dem Buch arbeiten wollen? Es ist auf jeden Fall begrüssenswert, dass Sie Ihre Problem anpacken und dass sich selbst mit Hilfe dieses Buches eine Chance geben wollen, Aber warum machen Sie es allein? Denken Sie noch einmal darüber nach: Ist es nicht typisch für Täter, dass sie immer alles allein machen wollen? Auch hierüber werden Sie in diesem Buch noch einiges lesen. Und so empfehlen wir, nicht allein zu arbeiten.

    Sollte aber die Hürde, Hilfe zu suchen, für Sie zu hoch sein, dann ist es immer noch besser, allein zu arbeiten als gar nichts zu tun. Haben Sie denn gar keinen Freund oder Partner, mit dem Sie die Hausaufgaben besprechen könnten? Keine Vertrauensperson, die Ihnen helfen könnte? Nach jeder Lektion sollten Sie dann von Neuem überlegen, ob Sie nicht viel mehr von Ihrer Arbeit hätten, wenn Sie doch noch nach Hilfe suchten. Auf jeden Fall kann das Buch für jemanden, der allein arbeitet, nur als Vorbereitung für die Therapie dienen. Die Arbeit ist also nicht vorbei, wenn Sie mit dem Buch fertig sind.

    Klingt dies alles sehr entmutigend? Wir hoffen, nicht. Im Gegenteil: Wir möchten Sie zu Ihrer mutigen Entscheidung, Ihr Problem gründlich anzugehen, beglückwünschen. Aber wir wollen auch realistisch sein. Ihr Problem als Täter können Sie nicht 'so nebenbei' lösen. Sie müssen hierfür Zeit einkalkulieren, und es wird auch Energie kosten. Oder ist es etwa einfacher, die Sache auf sich beruhen zu lassen – bis zu Ihrem nächsten Opfer? Bis Sie wieder im Gefängnis landen?

    Behandlung

    Über die Behandlung von Tätern machen sehr viele Gerüchte und Legenden die Runde: Therapie soll eine Art Gehirnwäsche sein ... In der Therapie werden Menschen zerbrochen und vor unmenschliche Konfrontationen gestellt ... Therapeuten ekeln sich vor Sexualstraftätern und glauben ihnen von vornherein nichts ... Eine Therapie ist nur für Personen, die studiert haben oder wenigstens die Mittlere Reife besitzen ... Eine Therapie dauert ewig und drei Tage, und man redet die ganze Zeit nur über die frühe Kindheit ... und so weiter. Doch dies ist Gerede: Es sind samt und sonders Legenden, die mit der Wirklichkeit schlichtweg nichts zu tun haben. Wir hoffen, dass Sie sich, wenn Sie dieses Buch durchgearbeitet haben, ein klareres Bild von den Möglichkeiten einer Therapie machen können.

    Eins aber trifft auf jeden Fall zu: Eine Therapie verlangt Einsatz. Sie geht nicht von alleine. Wäre dies so banal und einfach, dann wären Sie auch allein imstande, Ihr Problem zu lösen. Am Anfang steht Ehrlichkeit. Eine Behandlung und auch die Vorbereitung auf die Behandlung haben wenig Sinn, wenn Sie nicht versuchen, wenigstens mit sich selbst ehrlich zu sein. Das wird nicht immer leicht sein. Auch Ehrlichkeit verlangt Anstrengung. Aber Sie können dies lernen. Manche Täter stecken so knöcheltief in Mutmaßungen oder Halbwahrheiten, dass es auch für sie selbst sehr schwer ist zu wissen, was wirklich stimmt und was nicht. Dies erfahren Sie bei Ihrem Gang durch das Arbeitsbuch und auch während der Therapie. Aber sie müssen zumindest versuchen, ehrlich zu sein. In diesem Arbeitsbuch werden Sie vor viele Fragen gestellt. Zu manchen Fragen kennen Sie die Antwort. Andere sollen Ihnen helfen, Ihr Problem besser zu verstehen. Betrachten Sie Ihre Antworten immer als vorläufig. Oft denken Sie später an etwas, das Sie zunächst vergessen hatten oder überhaupt nicht wagten, genauer zu betrachten. Es ist daher wichtig, Ergänzungen, Vergessenes oder neue Ansichten nicht für sich zu behalten, sondern sie auch dem Therapeuten oder Berater mitzuteilen. Dies gilt auch, wenn Sie frühere Aussagen, die Sie gemacht haben, widerrufen, ergänzen oder zurechtrücken müssen. Es ist besser so, als mit Unehrlichkeit oder Halbwahrheiten weiter zu arbeiten.

    Zu guter Letzt: Geben Sie nicht auf! Der Augenblick wird sicher kommen, an dem Sie am liebsten das Buch zerreissen oder aus dem Fenster werfen wollen. Doch tun Sie das nicht! Jeder kennt solche Augenblicke. Sie gehören dazu, sind ganz normal und gehen wieder vorüber. Erzählen Sie Ihrem Therapeuten oder Buchbegleiter auch davon. Werfen Sie aber die Chance nicht fort, die Sie sich mit diesem Buch gegeben haben, um Ihre Probleme anzupacken!

    Praktisches

    Dieses Arbeitsbuch ist in zwanzig Lektionen aufgeteilt. Jede Lektion behandelt ein Thema, das mit sexuellem Mißbrauch zu tun hat. Lesen Sie so eine Lektion in Ruhe durch! Nehmen Sie sich Zeit dafür, und bitten Sie Ihren Buchbegleiter, das zu erklären, was Sie nicht verstanden haben! Sie brauchen sich deswegen nicht zu schämen. Am Ende jeder Lektion stehen Hausaufgaben. In diesen Aufgaben werden Sie aufgefordert, das was Sie in der Lektion gelernt haben, mit Ihrer eigenen Situation zu vergleichen.

    Das Buch besteht aus zwei Teilen. Zum ersten Teil gehören die Lektionen eins bis elf. Hierbei geht es vor allem um die Behandlung (Therapie). Was ist das eigentlich? Wie geht es in der Therapie zu? Was kann man von ihr erwarten?

    Die Lektionen zwölf bis zwanzig bilden den zweiten Teil. Hier besprechen wir die Ziele, die für eine Therapie in Betracht kommen. Es sind Ziele, die auch die Gesellschaft für wichtig hält. Es sind aber auch Ihre eigenen Ziele und Erwartungen.

    Die Hausaufgaben sind sehr wichtig. Sie sind sozusagen das Rückgrat des Arbeitsbuches. Sie besprechen sie mit Ihrem Buchbegleiter oder schicken sie ihm zu und warten auf seine Antwort. Vielleicht wird der Buchbegleiter mancherlei Bemerkungen machen oder Sie anregen, einen Teil noch einmal zu machen. Das ist kein Beinbruch. Im Gegenteil – es gibt Ihnen die Chance, etwas hinzuzulernen. Und darum geht es in diesem Buch: Um das Lernen!

    Zu den Fragen gibt es keine 'richtigen' Antworten. Und man kann sich auch keine guten Noten verdienen. Die Hauptsache ist, dass Sie Ihre Aufgaben so gut machen, wie es geht. Dass Sie für Anregungen offen sind, Und dass Sie bereit sind, Ergänzungen zu machen und Angebote der Hilfe anzunehmen.

     Es geht darum, dass Sie Antworten finden, die am besten zu Ihrer Situation passen und die Sie am besten zu den Zielen des Arbeitsbuches bringen, nämlich, Sie für eine Therapie vorzubereiten. Schauen Sie also ruhig noch einmal die Hausaufgaben zu den Lektionen an, die Sie zuvor schon durchgearbeitet haben. Fügen Sie Verbesserungen und Ergänzungen hinzu, denn so zeigen Sie sich selbst, dass Sie Fortschritte registrieren und neue Ansichten gewonnen haben. Heben Sie alle Hausaufgaben auf! Legen Sie eine Mappe an! Sie können sie später, während der Behandlung, noch einmal durchlesen. Oder Sie können sie später Ihrem Therapeuten vorlesen; vielleicht sogar Ihrem zukünftigen Partner. Aber machen Sie Ihre Hausaufgaben nur für sich selbst. Das heisst, nicht mit der Absicht, sie von jemandem anderen lesen zu lassen. Sie selbst müssen etwas davon haben. Sie müssen Fortschritte bei der Lösung von Problemen registrieren. Wer im Gefängnis mit dem Buch arbeitet, sollte vorher mit dem Buchbegleiter überlegen, wo er seine Unterlagen am sichersten aufbewahren kann. Es gibt bestimmt gute Möglichkeiten – man muss aber rechtzeitig daran denken. Es könnte Probleme geben, wenn Sie im Gefängnis Ihre Unterlagen irgendwo liegen lassen ...

     Greifen Sie im Buch nicht vor! Wer noch mit Lektion 2 beschäftigt ist und diese Aufgaben noch besprechen muss, sollte nicht schon mit Lektion 3 anfangen. Jede einzelne Lektion muss wirklich gründlich durchgearbeitet sein, ehe man zur nächsten übergeht. Sonst nehmen Sie vielleicht falsche Ansätze von einer Lektion in die nächste mit. Nehmen Sie sich Zeit für dieses Arbeitsbuch! Es hat keinen Sinn, überhastet an die Arbeit zu gehen, um am Ende mit dem Gefühl dazusitzen, dass all dies Ihnen nicht viel gebracht hat.

     Ob Sie nun allein arbeiten und Ihre Hausaufgaben wegschicken oder ob Sie eine Betreuung haben, Sie sollten für eine Lektion am besten 14 Tage einkalkulieren. Die Lektion lesen und dann wiederholen, die Hausaufgaben machen, verbessern, eventuell neu schreiben – zwei Wochen pro Lektion ist hierfür ein realistisches Arbeitstempo. Zwanzig Lektionen oder zwanzig mal zwei Wochen bedeuten dann vierzig Wochen oder fast ein Jahr für das Durcharbeiten dieses Buches. Fangen Sie also rechtzeitig damit an, falls Sie im Gefängnis sitzen!

     Wenn Sie die aktive Unterstützung von jemandem gefunden haben, der wöchentlich die Ergebnisse Ihrer Arbeit mit Ihnen durchgehen will, kann das Arbeitstempo etwas erhöht werden. Das stimmen Sie mit Ihrem Buchbegleiter ab. Eine ganze Lektion pro Woche wäre sehr intensiv, aber bei guter Betreuung sicherlich machbar. Falls Ihr Therapeut das Buch als Einstieg in die Therapie benutzt, bestimmt er das Arbeitstempo und auch die Reihenfolge, in der die Lektionen bearbeitet werden.

     Ein Wort noch zum Schluss: Es ist absolut unwichtig, wie viele Grammatik- oder Rechtschreibfehler in Ihren Hausaufgaben vorkommen. Schreibfehler spielen keine Rolle. Nur – schreiben Sie deutlich lesbar. Wichtig ist der Inhalt Ihrer Antworten, nicht aber eine perfekte Ausdrucksweise. Ihr Buchbegleiter wird Sie sicherlich nicht nach Ihrem Stil beurteilen.

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